Kurt Sartorius, Vorsitzender der Historischen Gesellschaft Bönnigheim, gestaltete den Vormittag gemeinsam mit den Zeitzeugen Wilhelm Kölle, Eberhard Grünenwald und Rolf Schube. Diese berichteten von ihren Kindheitserinnerungen und ihrem Leben in Bönnigheim und Umgebung während des Zweiten Weltkrieges. Sartorius ergänzte die Erzählungen durch Bild- und Filmmaterial aus seiner Ausstellung „Bönnigheim unter dem Hakenkreuz“. Dabei zeigte er auch Fotos von französischen Soldaten in der Heimatstadt sowie einen Wahlzettel aus dem Jahr 1936, auf dem nur noch eine Partei zur Wahl stand. Besonders eindrücklich verdeutlichte eine Übungskeule für den Weitwurf im Schulunterricht, die optisch einer Handgranate nachempfunden war, die gezielte Vorbereitung der Jugend auf den Krieg.




v.l.n.r.: Kurt Sartorius sowie die Zeitzeugen Eberhard Grünenwald, Rolf Schube und Wilhelm Kölle.
In ihren Erzählungen griffen die Zeitzeugen immer wieder den Bezug zur Gegenwart auf. Wilhelm Kölle, der 1941 geboren wurde und seine Erinnerungen in einem Buch zusammengestellt hat, betonte, wer das Leben des Opas nicht kenne, könne die eigene Jugend nicht bewerten. Sein eigener Vater wurde kurz nach seiner Geburt eingezogen. Die Erziehung, die er auch nach dem Krieg erhalten habe, sei von SS-Strukturen stark geprägt gewesen: „Gehorsam, Gehorsam, Gehorsam und Ordnung.“ Mit Blick auf die Gegenwart appellierte er an die aufmerksamen Schülerinnen und Schüler, stets ehrlich zu sein. Es gehöre zum Menschsein dazu, Fehler zu machen. Wichtig sei aber, dass man diese auch zugeben könne.
Auch Eberhard Grünenwald sprach die Schülerinnen und Schüler in seinem Vortrag direkt an und bat diese, sich an ihre eigene Einschulungsfeier zu erinnern, die für viele eine Art Meilenstein in ihrer Erinnerung darstellt. Er selbst wurde 1942 mitten im Krieg eingeschult und das ganz ohne Feierlichkeiten. Immer wieder wurde der Alltag damals von Luftangriffen durch von den Kindern als „Rotschwänzle“ bezeichneten Kriegsflugzeuge überschattet. So habe er einen Flugzeugabsturz eines Soldaten beobachtet, der im Anschluss gefangen genommen wurde.
Rolf Schube berichtete von einem Tieffliegerangriff, bei dem er sogar den Oberlippenbart des Piloten hinter dem Steuer erkannt habe. Dieser müsse laut Schube gesehen haben, dass Kinder auf der Straße spielten, während er das Feuer eröffnete. Für Gänsehaut sorgte zudem die Erzählung einer Reise nach Dresden, die Schube mit seiner Mutter noch im Jahr 1945 unternahm. In einem Flüchtlingszug voller Mütter und Kinder wurden sie von einem Tieffliegeralarm überrascht und mussten sich in einen Bunker retten. Nach dem Ende des Alarms entdeckte er ein Kind, mit dem er kurz zuvor noch gespielt hatte. Es hatte den Angriff nicht überlebt.
Im Anschluss durften die Schülerinnen und Schüler Fragen stellen. Vor allem mögliches damaliges Wissen der Zeitzeugen über den Holocaust beschäftigte die Jugendlichen sehr. Der Vortrag half den Schülern, Geschichte erlebbar zu machen und eine zutiefst menschliche Perspektive auf die Geschehnisse zu gewinnen. Wie wichtig es ist, vor der Vergangenheit nicht die Augen zu verschließen, um nicht blind für die Gegenwart zu werden, betonte auch der stellvertretende Schulleiter Sven Schmitt in seinen abschließenden Dankesworten an die Redner. Bevor die Schüler die Halle verließen, richteten die Zeitzeugen einen letzten eindringlichen Wunsch an sie: den Erhalt von Frieden und Freiheit für alle Menschen.
In Kürze brechen die neunten Klassen des AAG zum Schüleraustausch nach Frankreich auf. Die Bedeutung solcher nach dem Krieg vereinbarter Partnerschaften und des damit verbundenen kulturellen Austausches in Europa wurde ihnen durch diese Veranstaltung nochmals deutlich vor Augen geführt.
